„Das mach ich später!“

Was passiert, wenn die Aufschieberitis (Prokrastination) gewinnt?
Seit Wochen will ich meine Steuererklärung machen. Ich habe mir wirklich vorgenommen, es endlich an diesem Wochenende zu erledigen. Doch plötzlich ist es wichtiger, den Rasen zu mähen oder endlich den Keller aufzuräumen. Am Sonntagabend ist die Steuererklärung immer noch unangetastet.
Situationen wie diese sind alltäglich. Zu gerne verschieben wir unangenehme Aufgaben auf einen „günstigeren“ Zeitpunkt. Meistens werden sie dann auch irgendwann erledigt.
Bei einigen Menschen entwickelt sich daraus allerdings ein ernsthaftes Problem. Untersuchungen zufolge ist fast jeder sechste Erwachsene von ausgeprägter Prokrastination betroffen.
Prokrastination hat dabei wenig mit Faulheit zu tun.
Meist sind die Betroffenen ausgesprochen beschäftigt. Sie erledigen andere Aufgaben, arbeiten viel und finden immer etwas, das gerade ihre Aufmerksamkeit verlangt. Nur das, was ihnen eigentlich wichtig wäre, bleibt liegen.
Die Gründe dafür sind verschieden: Dahinter können unangenehme Gefühle stecken, denen sie ausweichen möchten. Die Angst zu versagen, überhöhte Erwartungen an sich selbst oder die Sorge vor möglichen Konsequenzen.
Besonders belastend wird dieses Verhalten, wenn es längst um mehr geht als um unerledigte Aufgaben.
Du denkst beispielsweise seit Jahren darüber nach, deinen Arbeitsplatz zu wechseln. Die Arbeit belastet dich zunehmend, doch die Angst vor finanzieller Unsicherheit hält dich zurück. Oder du steckst seit Monaten in einer unglücklichen Beziehung und vermeidest immer wieder ein längst notwendiges Gespräch.
Mitunter vergehen Jahre, in denen sich wenig verändert. Die Unzufriedenheit bleibt bestehen, während der innere Druck weiter wächst. Diese dauerhaften Belastungen können schließlich auch deine Gesundheit beeinträchtigen.
Warum fällt es uns so schwer, etwas zu verändern, obwohl wir längst wissen, dass uns die gegenwärtige Situation schadet?
Es gibt einen Unterschied zwischen Dingen, die wir aus Bequemlichkeit liegen lassen und solchen, die wir immer wieder aufschieben, obwohl sie uns zunehmend belasten.
Wer nach einem anstrengenden Arbeitstag keine Lust mehr hat, die Wohnung aufzuräumen, leidet deshalb noch lange nicht an Prokrastination. Und wer vor einer wichtigen Entscheidung zunächst gründlich nachdenkt, handelt möglicherweise sogar sehr vernünftig.
Bei ausgeprägter Prokrastination sieht das anders aus. Die Betroffenen möchten etwas erledigen, nehmen es sich fest vor und finden trotzdem immer wieder einen Grund, es auf später zu verschieben. Dabei wissen sie längst, dass die Situation dadurch schwieriger wird.
Häufig beschäftigen sie sich stattdessen mit anderen Aufgaben. Die Wohnung wird geputzt, E-Mails werden beantwortet oder Social Media durchstöbert. Am Ende des Tages war man durchaus fleißig, nur die eigentliche Aufgabe ist wieder liegen geblieben.
Der entscheidende Unterschied liegt häufig in dem, was wir beim Gedanken an diese Aufgabe empfinden.
Warum uns das Aufschieben zunächst erleichtert
Stell Dir vor, Du möchtest Dich beruflich verändern. Du hast eine interessante Stellenanzeige gefunden und überlegst, Dich zu bewerben. Doch sobald Du Deinen Lebenslauf öffnen willst, kommen Zweifel auf. Bin ich überhaupt qualifiziert genug? Was passiert, wenn ich abgelehnt werde? Und was, wenn ich den neuen Anforderungen nicht gewachsen bin?Du beschließt, Dich morgen darum zu kümmern.
Im ersten Moment fühlst Du Dich erleichtert. Die unangenehmen Gedanken verschwinden vorübergehend und Du kannst Dich wieder mit etwas anderem beschäftigen. Genau darin liegt ein wesentlicher Grund, warum sich Aufschieben so hartnäckig halten kann.
Unser Gehirn lernt aus Erfahrungen. Wenn das Vermeiden einer unangenehmen Situation kurzfristig Erleichterung bringt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir beim nächsten Mal ähnlich reagieren.In der Psychologie spricht man dabei von negativer Verstärkung. Das bedeutet, dass ein Verhalten häufiger wird, weil dadurch etwas Unangenehmes vorübergehend wegfällt.Auf Dauer entsteht daraus ein Kreislauf. Die Aufgabe bleibt unerledigt, der Druck wächst und beim nächsten Versuch fühlt sich der Anfang möglicherweise noch schwieriger an.
Welche Ängste stecken hinter der Prokrastination?
Häufig spielen Selbstzweifel und Perfektionismus eine Rolle. Wer hohe Ansprüche an sich selbst stellt und Angst hat, Fehler zu machen oder Erwartungen nicht zu erfüllen, schiebt eine Aufgabe möglicherweise immer wieder auf. Schließlich besteht die Gefahr, dass das Ergebnis nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.
Andere fürchten sich einfach vor den Konsequenzen einer Entscheidung.
Eine Trennung kann bedeuten, das gemeinsame Zuhause aufzugeben und das bisherige Leben grundlegend zu verändern. Vielleicht gibt es Kinder, finanzielle Verpflichtungen oder die Sorge, später allein zu sein. Selbst wenn die Beziehung seit Jahren unglücklich macht, kann das Vertraute zunächst sicherer erscheinen als eine ungewisse Zukunft.
Dabei können sehr unterschiedliche Bedürfnisse miteinander in Konflikt geraten. Du wünschst Dir mehr Zufriedenheit und persönliche Freiheit, möchtest aber gleichzeitig Sicherheit und Verlässlichkeit behalten. Solche inneren Konflikte können uns lange beschäftigen. Besonders dann, wenn wir versuchen, eine Entscheidung zu finden, bei der wir möglichst nichts verlieren.
Allerdings lässt sich aus einer lang hinausgezögerten Trennung allein noch keine Prokrastination ableiten. Die tatsächlichen Lebensumstände und Risiken müssen immer berücksichtigt werden.
Wenn das Aufschieben am Selbstwert nagt
Mit der Zeit kann Prokrastination erhebliche Auswirkungen auf das eigene Selbstbild haben.
Du hast Dir wieder einmal vorgenommen, etwas zu erledigen und es erneut verschoben. Vielleicht ärgerst Du Dich darüber und versprichst Dir, beim nächsten Mal konsequenter zu sein.Wenn sich solche Erfahrungen häufen, beginnen einige, an ihrer eigenen Zuverlässigkeit zu zweifeln. Sie halten sich für undiszipliniert oder glauben irgendwann, grundsätzlich zu wenig Durchhaltevermögen zu besitzen.Das kann besonders belastend sein, wenn man beruflich eigentlich erfolgreich ist und in anderen Lebensbereichen viel Verantwortung übernimmt.Nach außen funktioniert alles. Im Inneren wächst jedoch das Gefühl, bestimmte Dinge einfach nicht in den Griff zu bekommen.
Hinzu kommt, dass aufgeschobene Aufgaben häufig im Kopf bleiben. Auch während wir etwas Angenehmes unternehmen, erinnert uns ein Gedanke daran, was eigentlich noch erledigt werden müsste.
Bei länger anhaltender Belastung können Stress, Schlafprobleme und Ängste hinzukommen. Gerade deshalb lohnt es sich, die Ursachen des Aufschiebens genauer zu betrachten.
Warum Zeitmanagement allein oft wenig verändert
Wer Schwierigkeiten hat, Aufgaben rechtzeitig zu erledigen, bekommt häufig den Rat, seinen Alltag besser zu organisieren. Einige dieser Methoden sind auch durchaus hilfreich. Bei der sogenannten 5min-Regel nimmt man sich beispielsweise vor, zunächst nur fünf Minuten an einer Aufgabe zu arbeiten. Oft fällt es uns anschließend leichter, weiterzumachen.
Auch das Aufteilen größerer Aufgaben in überschaubare Schritte kann helfen. Wer vor einem umfangreichen Projekt steht, muss sich zunächst nur mit dem nächsten machbaren Schritt beschäftigen.
Eine weitere Möglichkeit ist die Pomodoro-Technik. Dabei arbeitet man für eine festgelegte Zeit konzentriert an einer Aufgabe und macht anschließend eine kurze Pause.
Solche Strategien können den Einstieg erleichtern. Besonders dann, wenn eine Aufgabe unübersichtlich erscheint oder man Schwierigkeiten hat, sich zu organisieren.
Doch was hilft ein guter Zeitplan, wenn allein der Gedanke an ein bestimmtes Gespräch Angst auslöst? Oder wenn Du eine Entscheidung seit Monaten vermeidest, weil Du Dir selbst nicht zutraust, mit den Folgen zurechtzukommen?
Dann lohnt es sich, auch die Gefühle und Überzeugungen zu betrachten, die mit dem Aufschieben verbunden sind.
Wie kann Hypnose bei Prokrastination helfen?
In meiner Arbeit als Hypnotiseur möchte ich zunächst verstehen, weshalb jemand immer wieder an derselben Stelle stehen bleibt.
Denn hinter dem Aufschieben können sehr unterschiedliche Ursachen stecken. Häufig spielen Ängste oder mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten eine wichtige Rolle.
Im Gespräch versuchen wir deshalb herauszufinden, was genau passiert, sobald Du Dich einer bestimmten Aufgabe oder Veränderung näherst. Welche Gedanken tauchen auf? Welche Befürchtungen beschäftigen Dich? Und welche Erfahrungen könnten dazu beigetragen haben, dass Du heute so reagierst?
In der Hypnose können wir anschließend gezielt mit diesen inneren Reaktionen arbeiten.
Während einer hypnotischen Trance richtet sich die Aufmerksamkeit stärker auf das eigene Erleben. Viele Menschen können sich in diesem Zustand besonders gut auf innere Bilder, Erinnerungen und Gefühle konzentrieren.
Wenn beispielsweise Versagensangst hinter dem Aufschieben steckt, können wir an den damit verbundenen Vorstellungen arbeiten. Vielleicht hast Du irgendwann die Erfahrung gemacht, dass Fehler besonders unangenehme Konsequenzen hatten. Möglicherweise hast Du auch über Jahre sehr hohe Erwartungen an Dich selbst entwickelt.
Dabei können vorhandene Ressourcen gestärkt und neue Möglichkeiten im Umgang mit belastenden Situationen eingeübt werden.
Auch die Arbeit mit inneren Anteilen kann hier hilfreich sein.
Stell Dir vor, Du möchtest Deinen Arbeitsplatz wechseln. Ein Teil von Dir freut sich auf neue Möglichkeiten, während ein anderer große Angst davor hat, die bisherige Sicherheit aufzugeben.
In der Hypnose können wir uns mit diesen unterschiedlichen Bedürfnissen beschäftigen. Was braucht der ängstliche Anteil, um sich sicherer zu fühlen? Und wie könntest Du einen ersten Schritt wagen, ohne Dich dabei zu überfordern?
Ein weiterer Ansatz ist die gedankliche Vorbereitung auf konkrete Situationen.
Du kannst Dir beispielsweise in Trance vorstellen, wie Du eine lange aufgeschobene Bewerbung tatsächlich beginnst oder ein schwieriges Gespräch führst. Dabei geht es darum, neue Reaktionsmöglichkeiten zu entwickeln und sie anschließend im Alltag auszuprobieren.
Wie wir bei der Hypnose vorgehen, hängt davon ab, weshalb Du bestimmte Aufgaben oder Entscheidungen immer wieder aufschiebst. Gemeinsam arbeiten wir daran, die dahinterliegenden Ängste und Verhaltensmuster besser zu verstehen, Dein Selbstvertrauen zu stärken und Veränderungen im Alltag leichter umzusetzen.
Was kannst Du selbst verändern?
Bevor Du Dir das nächste Mal vornimmst, endlich etwas zu erledigen, versuche einmal herauszufinden, weshalb Du es bisher vermieden hast.
Vielleicht ist die Aufgabe einfach langweilig. Dann kann es helfen, einen festen Zeitpunkt zu vereinbaren und zunächst nur wenige Minuten damit zu beginnen.
Wenn Du Dich dagegen überfordert fühlst, überlege, welcher erste Schritt tatsächlich machbar wäre. Wer einen Arbeitsplatzwechsel erwägt, muss nicht sofort kündigen. Ein Gespräch mit jemandem aus der gewünschten Branche oder die Suche nach passenden Stellen kann bereits Bewegung in die Sache bringen.
Bei größeren Entscheidungen ist es sinnvoll, sich auch mit den tatsächlichen Risiken auseinanderzusetzen. Welche Befürchtungen sind realistisch? Welche Möglichkeiten hättest Du, mit Schwierigkeiten umzugehen? Und welche Folgen hätte es, wenn Du alles beim Alten lässt?
Achte außerdem darauf, wie Du mit Dir selbst sprichst. Wer sich nach jedem Aufschieben beschimpft, erhöht häufig den Druck, der das Anfangen ohnehin schon erschwert.
Es kann hilfreich sein, die eigenen Erwartungen zu überprüfen und auch kleine Fortschritte anzuerkennen.
Wie lange möchtest Du noch warten?
Es wird immer Aufgaben geben, die wir lieber auf morgen verschieben. Und bei manchen Entscheidungen ist es gut, sich Zeit zu lassen.
Schwierig wird es, wenn das Warten selbst zur Belastung wird. Wenn Du immer wieder dieselben Vorsätze fasst, Dich über Dein Verhalten ärgerst und trotzdem kaum etwas veränderst.
Gerade bei wichtigen persönlichen Entscheidungen lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Schließlich kann auch das Festhalten an einer unbefriedigenden Situation Folgen haben.
Welche Veränderung schiebst Du schon lange vor Dir her, obwohl Du Dir eigentlich wünschst, dass sich endlich etwas bewegt?



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