top of page

Sind plötzlich alle Narzissten?

3. Sept.
6 Min. Lesezeit

Warum wir den Begriff so schnell benutzen und was eine toxische Beziehung wirklich ausmacht

„Mein Ex war ein Narzisst.“

Dieser Satz fällt heute erstaunlich häufig nach einer Trennung. Meist fällt er bei der Beschreibung einer Beziehung, in der vieles schiefgelaufen ist. Der andere war egoistisch, brauchte ständig Aufmerksamkeit, konnte mit Kritik schlecht umgehen oder schien sich wenig dafür zu interessieren, wie es seinem Partner mit seinem Verhalten ging.

Natürlich kann all das eine Beziehung sehr belastend machen. Ob dieser Mensch deshalb tatsächlich ein Narzisst war, ist eine andere Frage.

Wer nach einer solchen Beziehung tief verunsichert ist, sucht heute oft im Internet nach einer Erklärung. Dabei stößt man schnell auf die Begriffe Narzissmus, Gaslighting und toxische Beziehungen. Besonders in den sozialen Medien gibt es unzählige Beiträge darüber, woran man einen Narzissten angeblich erkennt.

Problematisch wird es, wenn aus der Erklärung eine Ferndiagnose wird.

Ein Mensch kann ausgesprochen egoistisch sein. Er kann lügen, betrügen, manipulieren, sich rücksichtslos verhalten und ein schlechter Partner sein. Für all das braucht es keine Persönlichkeitsstörung.

Genauso kann eine Beziehung einem Menschen erheblich schaden, ohne dass einer der Beteiligten ein Narzisst ist.

Was bedeutet Narzissmus überhaupt?

Narzisstische Eigenschaften sind zunächst einmal menschliche Eigenschaften. Viele möchten Anerkennung, gesehen werden und stolz auf das sein dürfen, was sie erreicht haben. Auch Selbstbezogenheit, Konkurrenzdenken oder eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber Kritik kennen viele Menschen von sich selbst.

Zwischen solchen Eigenschaften und einer Persönlichkeitsstörung liegt allerdings ein erheblicher Unterschied.

In Deutschland orientieren sich Ärzte und Psychotherapeuten bei der Diagnose psychischer Erkrankungen an der ICD, dem internationalen Diagnoseverzeichnis der Weltgesundheitsorganisation. In der aktuellen ICD-11 gibt es die narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht mehr als eigenständige Diagnose. Fachleute schauen unter anderem darauf, wie ein Mensch über längere Zeit mit sich selbst und anderen umgeht, ob sich problematische Muster in verschiedenen Lebensbereichen zeigen und wie stark sie sein Leben und seine Beziehungen beeinträchtigen.

Einzelne Eigenschaften oder Verhaltensweisen reichen deshalb nicht aus, um einem Menschen eine Persönlichkeitsstörung zuzuschreiben.

Du liest: „Narzissten vertragen keine Kritik.“

Und tatsächlich konnte der Ex-Partner schlecht mit Kritik umgehen.

Du liest weiter: „Narzissten brauchen Bewunderung.“

Auch das kommt Dir bekannt vor.

Und schon entsteht aus mehreren Wiedererkennungsmomenten eine vermeintlich eindeutige Erklärung für die gesamte Beziehung.

Ein Fachmann würde sehr viel genauer hinschauen: Seit wann besteht dieses Verhalten? Zeigt es sich nur gegenüber dem Partner oder auch in anderen Beziehungen und Lebensbereichen? Wie ausgeprägt ist es? Wie erlebt der Betroffene sich selbst und andere Menschen? Und gibt es möglicherweise andere Erklärungen für sein Verhalten?

Aus der Perspektive eines enttäuschten oder verletzten Partners lässt sich das kaum zuverlässig beurteilen.


Narzissmus sieht auch nicht immer so aus, wie wir denken

Beim Wort Narzisst haben viele Menschen sofort einen bestimmten Typ vor Augen: selbstverliebt, arrogant, von sich überzeugt und ständig auf der Suche nach Bewunderung.

Dieses Bild greift zu kurz.

Narzissmus kann sich bei Menschen unterschiedlich zeigen. Manche treten sehr selbstsicher auf, halten sich für überlegen und suchen viel Anerkennung. Andere wirken nach außen wesentlich unsicherer und reagieren besonders empfindlich auf Kritik, Zurückweisung oder das Gefühl, nicht genügend beachtet zu werden. Hinter beiden Formen kann ein empfindlicher Selbstwert stehen.

Das macht eine Einschätzung von außen zusätzlich schwierig, vor allem für Laien.

Fachleute betrachten deshalb einen Menschen und seine Entwicklung sehr viel umfassender. Was wir als Partner erleben, ist dagegen nur ein Ausschnitt.

Und was hat das mit einer toxischen Beziehung zu tun?

Beide Begriffe werden häufig so behandelt, als gehörten sie zusammen: Narzisstischer Partner = toxische Beziehung.

So einfach ist dieser Zusammenhang jedoch nicht.

„Toxische Beziehung“ ist keine psychologische Diagnose. Es gibt deshalb auch keine verbindlichen Kriterien, anhand derer sich eine Beziehung als toxisch diagnostizieren ließe. Der Ausdruck wird heute vor allem benutzt, um Beziehungen zu beschreiben, in denen der Umgang miteinander auf Dauer erheblich belastend oder schädigend geworden ist. Der Begriff wird inzwischen allerdings so unterschiedlich verwendet, dass kaum noch eindeutig ist, was damit eigentlich gemeint ist.

Narzissmus und eine toxische Beziehung bezeichnen damit zwei verschiedene Dinge: Das eine betrifft die Persönlichkeit eines Menschen, das andere die Beziehung zwischen Menschen.

Natürlich können ausgeprägte narzisstische Verhaltensweisen eine Partnerschaft schwer belasten. Wer ständig Bewunderung erwartet, wenig Interesse an den Bedürfnissen des anderen zeigt, Kritik als Angriff erlebt oder andere für die eigenen Ziele benutzt, schafft damit kaum gute Voraussetzungen für eine gleichwertige Beziehung.

Eine belastende Beziehungsdynamik kann allerdings auch ganz anders entstehen.


Wann ist eine Beziehung schwierig und wann wird sie schädlich?

Fremdgehen, häufige Streitereien, Eifersucht, Konfliktunfähigkeit oder verletzende Worte im Streit können eine Beziehung schwer beschädigen und sogar beenden.

Trotzdem wäre es wenig hilfreich, jede schlechte Beziehung deshalb als toxisch zu bezeichnen.

Entscheidender ist, was sich über längere Zeit zwischen zwei Menschen entwickelt.

Kannst Du sagen, wenn Dich etwas verletzt hat? Wird Dein Nein akzeptiert? Kann Dein Partner einen eigenen Fehler anerkennen? Kannst Du Freunde treffen und eigene Interessen verfolgen, ohne anschließend dafür bestraft zu werden? Und kannst Du innerhalb dieser Beziehung noch Deiner eigenen Wahrnehmung vertrauen?

Wenn Du nach einem Streit gelegentlich denkst: „Das war daneben“, ist das etwas anderes, als wenn Du seit Monaten bei jedem Gespräch überlegst, welche Worte Du wählen musst, damit die Situation bloß nicht wieder eskaliert.

Auch die Wirkung auf Dich kann viel erzählen:

Vielleicht hast Du früher selbstverständlich Entscheidungen getroffen und fragst Dich inzwischen bei fast allem, wie Dein Partner reagieren könnte. Freunden erzählst Du bestimmte Dinge nicht mehr, weil Du keine Diskussion darüber möchtest. Nach Auseinandersetzungen beschäftigst Du Dich immer häufiger mit der Frage, ob Du wirklich zu empfindlich, zu schwierig oder zu fordernd bist.

Wo Kontrolle, Einschüchterung, Demütigung, Isolation oder psychische beziehungsweise körperliche Gewalt auftreten, sind ohnehin andere Maßstäbe nötig als bei gewöhnlichen Beziehungskonflikten. Solche Verhaltensweisen müssen ernst genommen werden, ganz unabhängig davon, welche Persönlichkeit oder Diagnose dahintersteht.

„Aber warum hat dieser Mensch sich so verhalten?“

Nach einer schwierigen Trennung kann diese Frage einen lange beschäftigen.

Du erinnerst Dich an Gespräche und gehst einzelne Situationen noch einmal durch. Am Anfang der Beziehung gab es eine Nähe und Intensität, die später kaum noch vorhanden war. Irgendwann kamen Konflikte hinzu und manches davon kannst Du bis heute nicht richtig einordnen.

Dann findest Du im Netz eine Beschreibung über Narzissmus und erkennst erstaunlich viel wieder.

Endlich scheint es eine Erklärung zu geben.

Gerade darin liegt die Anziehungskraft solcher Begriffe. Sie können Ordnung in Erfahrungen bringen, die Dir vorher widersprüchlich erschienen. Aus vielen einzelnen Situationen entsteht plötzlich eine Geschichte, die für Dich Sinn ergibt.

Und dann möchtest Du natürlich wissen, ob diese Erklärung wirklich stimmt. War es tatsächlich Narzissmus? War das schon Gaslighting? Hat dieser Mensch Dich bewusst manipuliert? War die ganze Beziehung toxisch?

Also liest Du weiter, erinnerst Dich an weitere Situationen und findest immer mehr, was zu dieser Erklärung zu passen scheint.

Ob Du darauf jemals eine eindeutige Antwort bekommst, ist für das, was Du erlebt hast, gar nicht entscheidend.

Wenn Dein Partner Dich wiederholt abgewertet hat, bleibt die Abwertung real, auch ohne Diagnose. Wenn Deine Grenzen regelmäßig missachtet wurden, waren sie trotzdem überschritten. Du musst also nicht erst beweisen können, dass der andere ein Narzisst war, um ernst zu nehmen, was diese Beziehung mit Dir gemacht hat.


Was hilft Dir die Antwort „Narzisst“?

Manchen hilft der Begriff nach einer Trennung tatsächlich. Er gibt dem Erlebten einen Namen und kann erklären, warum bestimmte Situationen so schwer zu verstehen waren. Für Dich selbst werden irgendwann andere Fragen wichtiger:

Welche Situationen haben Dich besonders verletzt?

Wann hast Du zum ersten Mal gemerkt, dass etwas zwischen Euch nicht stimmt?

Welche Grenzen hast Du gesetzt und was geschah danach?

Was hast Du lange entschuldigt, obwohl es Dir eigentlich schon nicht mehr guttat?

Und woran würdest Du heute früher merken, dass eine Beziehung eine Richtung nimmt, die Du für Dich nicht mehr möchtest?

Die Antworten darauf erzählen Dir wahrscheinlich mehr über Deine Beziehung als die Frage, ob der andere tatsächlich ein Narzisst war. Und sie können Dir helfen, früher zu erkennen, was Du in einer Beziehung nicht mehr hinnehmen möchtest.


Wenn Du noch in dieser Beziehung bist

Vielleicht liest Du diesen Artikel gar nicht nach einer Trennung, sondern Dein Partner sitzt gerade im Nebenzimmer und Du suchst im Internet nach einer Erklärung für das, was zwischen Euch passiert.

Dann musst Du heute nicht herausfinden, ob Du mit einem Narzissten zusammenlebst. Schau zunächst lieber darauf, was Du tatsächlich erlebst:

Wie wird mit Dir gesprochen? Was passiert, wenn Du widersprichst? Werden Deine Grenzen respektiert? Hast Du Angst vor bestimmten Reaktionen? Hast Du Dich in den vergangenen Monaten verändert, um Streit zu vermeiden? Gibt es Menschen außerhalb der Beziehung, mit denen Du offen darüber sprechen kannst?

Bei Gewalt, Drohungen, massiver Kontrolle oder Einschüchterung geht es um Schutz und Unterstützung. Dafür braucht es keine Diagnose des Partners.

Bei anderen schwierigen Beziehungsmustern kann ein Gespräch mit einer außenstehenden Person helfen. Besonders dann, wenn Du schon lange darüber nachdenkst, ob vielleicht Du selbst das Problem bist. Manchmal merkt man erst im Gespräch, wie selbstverständlich Dinge geworden sind, die man zu Beginn einer Beziehung niemals für selbstverständlich gehalten hätte.


Vielleicht wirst Du es nie sicher wissen

Ob Dein ehemaliger Partner tatsächlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hatte, lässt sich im Nachhinein möglicherweise nie beantworten.

Du kannst verstehen, was in dieser Beziehung passiert ist. Du kannst erkennen, welches Verhalten Dir geschadet hat und an welchen Stellen Du Dich selbst immer weiter zurückgenommen hast. Und Du kannst daraus ein klareres Gefühl dafür entwickeln, wie Du künftig mit einem Menschen zusammenleben möchtest.

Irgendwann kann die Frage, welches Etikett auf den anderen passt, an Bedeutung verlieren. Wichtiger wird eine andere:

Was müsste in einer Beziehung anders sein, damit Du irgendwann sagen kannst: So möchte ich mit einem Menschen zusammenleben?

 

 
 
 

Kommentare


bottom of page