Was denkst Du über Dich?

Wie Selbstbild, Selbstwert und Selbstzweifel zusammenhängen
Es ist eigentlich nur eine beiläufige Bemerkung: Ein Kollege kritisiert Deine Arbeit, jemand reagiert anders als erwartet oder interessiert sich für andere mehr als für Dich. Dennoch halten Deine Gedanken noch Stunden später daran fest.
Du gehst die Situation immer wieder durch, überlegst, was Du hättest anders machen können, und irgendwann geht es längst nicht mehr um diesen einen Moment. Aus der Kritik an Deiner Arbeit wird die Frage, ob Du überhaupt gut genug bist. Aus der Reaktion eines anderen Menschen entsteht der Zweifel, ob mit Dir etwas nicht stimmt.
Warum passiert das?
Offenbar treffen uns manche Situationen deshalb so stark, weil sie eine Vorstellung berühren, die wir längst von uns haben: wer wir sind, was wir können und welchen Wert wir haben. Dieses Bild begleitet uns durch unser Leben und beeinflusst, wie wir das Verhalten anderer Menschen einordnen.
Dabei werden Begriffe wie Selbstwert, Selbstvertrauen, Selbstbild und Selbstakzeptanz häufig durcheinandergebracht. Sie gehören zusammen, beschreiben aber unterschiedliche Seiten unseres Verhältnisses zu uns selbst.
Gerade Selbstzweifel können ziemlich aufschlussreich sein, weil sie zeigen, wo unser Bild von uns selbst empfindlich geworden ist.
Selbstbewusst und trotzdem voller Selbstzweifel?
Es gibt Menschen, denen würde man auf den ersten Blick kaum Selbstzweifel zutrauen. Sie treten sicher auf, übernehmen Verantwortung und wissen in ihrem Beruf ziemlich genau, was sie können. Eine Zurückweisung im Privatleben kann denselben Menschen tief verunsichern.
Das ist weniger widersprüchlich, als es zunächst erscheint.
Selbstvertrauen entsteht auch durch Erfahrung. Wenn Du eine Aufgabe hundertmal bewältigt hast, weißt Du irgendwann, dass Du sie kannst. Du vertraust Deinen Fähigkeiten, weil Du erlebt hast, dass Du Dich auf sie verlassen kannst.
Selbstwert zeigt sich hingegen besonders deutlich, wenn Dir etwas misslingt, Du abgelehnt wirst oder jemand anderes erfolgreicher ist.
Wie gehst Du dann mit Dir um?
Bleibt ein Fehler ein Fehler oder wird er zum Beweis dafür, dass Du grundsätzlich nicht gut genug bist? Bedeutet die Ablehnung eines Menschen, dass dieser Mensch sich gegen Dich entschieden hat, oder verändert sie auch Deinen eigenen Blick auf Dich?
An solchen Stellen wird sichtbar, woran wir unseren Wert geknüpft haben. Das können beruflicher Erfolg, Aussehen, eine Beziehung, Anerkennung oder das Gefühl sein, von anderen gebraucht zu werden.
Solange dieser Teil des Lebens funktioniert, gibt er Sicherheit. Erst wenn er wegbricht, merken wir manchmal, wie viel von unserem Selbstbild daran hing.
Woher kommt das Bild, das Du von Dir hast?
Unser Selbstbild entsteht über viele Jahre. Einen Teil davon entwickeln wir aus eigenen Erfahrungen, einen anderen übernehmen wir aus dem, was andere Menschen in uns sehen.
Nehmen wir zwei Geschwister. In der Familie heißt es über die Tochter immer wieder: „Die war schon immer unsere Schlaue.“ Obwohl niemand dem Bruder sagt, er sei dumm, kann bei ihm etwas ganz anderes hängen bleiben: Wenn sie die Schlaue ist, was bin dann ich?
Solche Rollen können sich über die Jahre verfestigen. Schreibt die Schwester tatsächlich die besseren Noten, scheint die Sache klar: Sie ist eben die Schlaue. Ihr Bruder kann in anderen Dingen noch so gut sein, an diesem Bild ändert das erst einmal wenig.
Später kommen weitere Menschen hinzu, an deren Reaktionen wir uns orientieren. Lehrer, Freunde, Partner oder Kollegen zeigen uns auf ihre Weise, wie sie uns sehen. Vieles davon vergessen wir wieder, anderes bleibt hängen und wird irgendwann zu einem Teil dessen, was wir selbst über uns glauben.
Aus „Meine Schwester ist besser in der Schule als ich“ kann so über die Jahre ein „Ich bin einfach nicht so klug“ werden.
Warum Selbstzweifel so hartnäckig sein können
Auch spätere Erfahrungen ändern an solchen Überzeugungen oft erstaunlich wenig. Wer beispielsweise eine anspruchsvolle Ausbildung erfolgreich abschließt, muss deshalb noch lange nicht denken: „Offenbar habe ich mich in mir getäuscht.“ Genauso gut kann der Erfolg dem eigenen Fleiß zugeschrieben werden und das alte Bild bleibt davon unberührt.
Selbstzweifel sind deshalb oft erstaunlich schwer mit Argumenten zu erreichen. Genau diese Lücke zwischen „Eigentlich weiß ich es besser“ und „Trotzdem fühlt es sich so an“ macht sie für viele Menschen so schwer verständlich.
Irgendwann stellt sich daher weniger die Frage, ob es genügend Gegenbeweise gibt. Interessanter wird, warum sie das eigene Gefühl bisher kaum erreicht haben.
Wie viel Deines Selbstwertes liegt bei anderen?
Wir entwickeln unser Bild von uns selbst im Kontakt mit anderen Menschen. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass ihre Meinung auch später eine Rolle spielt. Ein Kompliment kann guttun, Kritik kann treffen und die Anerkennung eines Menschen, der uns wichtig ist, bedeutet uns mehr als das Lob eines Fremden.
Schwierig wird es, wenn wir diese Rückmeldungen brauchen, um uns mit uns selbst gut zu fühlen.
Das lässt sich zum Beispiel nach einer Trennung beobachten. Während der Beziehung hast Du Dich begehrt und attraktiv gefühlt. Entscheidet sich der Partner irgendwann für ein Leben ohne Dich, verändert sich mitunter auch Dein Blick in den Spiegel. Am Aussehen kann es kaum liegen, denn daran hat sich innerhalb weniger Tage wenig verändert.
Verändert hat sich die Bestätigung von außen.
Ähnlich funktioniert es mit Erfolg. Wer einen großen Teil seines Selbstwertes daraus zieht, beruflich etwas zu leisten, erlebt einen Misserfolg möglicherweise als weit mehr als eine schlechte Phase im Job. Plötzlich steht auch die eigene Person infrage.
Anerkennung von anderen kann unseren Selbstwert stärken, sie kann ihn aber kaum dauerhaft tragen. Dafür ist sie zu wechselhaft und liegt zu großen Teilen außerhalb unseres Einflusses.
Die interessante Frage ist deshalb, welchen Wert wir uns selbst noch zugestehen, wenn gerade niemand applaudiert, uns begehrt oder uns das Gefühl gibt, etwas besonders gut gemacht zu haben.
Muss ich mich selbst lieben?
Kaum ein Satz fällt beim Thema Selbstwert so häufig wie: „Du musst Dich erst selbst lieben.“
Aber was bedeutet das eigentlich?
Musst Du Deinen Körper schön finden, mit jeder Deiner Eigenschaften zufrieden sein und Deine Fehler mögen? Gerade wenn Du ohnehin kritisch mit Dir umgehst, kann daraus schnell eine weitere Anforderung werden, die Du offenbar noch nicht erfüllst.
Selbstakzeptanz ist für mich der passendere Begriff.
Bei Menschen, die uns wichtig sind, gelingt uns diese Unterscheidung meist ganz selbstverständlich. Du kannst einen Freund sehr schätzen und Dich trotzdem über seine Unpünktlichkeit ärgern. Du kannst Deinen Partner lieben und eine seiner Eigenschaften anstrengend finden. Deshalb stellst Du noch lange nicht den ganzen Menschen infrage.
Warum sollte das bei Dir selbst anders sein?
Du kannst mit Deinem Körper unzufrieden sein und etwas verändern wollen. Du kannst Dich über Deine Ungeduld ärgern oder eine Entscheidung bereuen. Entscheidend ist, was Du daraus über Dich ableitest.
„Damit bin ich unzufrieden“ beschreibt einen Teil von Dir oder Deinem Leben.
„Deshalb bin ich weniger wert“ macht daraus ein Urteil über Deine ganze Person.
Selbstakzeptanz bedeutet also keineswegs, alles an sich gut finden zu müssen. Sie erlaubt Dir, Deine Schwächen genauso ernst zu nehmen wie Deine Stärken, ohne jedes Mal Deinen eigenen Wert mit auf die Waage zu legen.
Warum es oft nicht reicht, anders über sich zu denken
Viele Menschen kennen ihre Selbstzweifel ziemlich gut. Sie wissen, in welchen Situationen sie auftauchen, können sie möglicherweise sogar auf bestimmte Erfahrungen zurückführen und erkennen durchaus, dass ihre Einschätzung übertrieben ist.
Nur fühlt es sich deshalb noch lange nicht anders an.
Du kannst beispielsweise wissen, dass eine frühere Zurückweisung nichts darüber aussagt, ob Du heute liebenswert bist. Sobald Dir ein wichtiger Mensch jedoch das Gefühl gibt, auf Abstand zu gehen, ist die alte Unsicherheit wieder da. Die vernünftigen Argumente kennst Du in diesem Moment alle. Sie erreichen nur das Gefühl dahinter kaum.
Das liegt auch daran, dass wir Erfahrungen nicht ausschließlich als Erinnerung abspeichern. Mit ihnen verbinden sich Gefühle und Bedeutungen, die später durch ähnliche Situationen wieder angestoßen werden können.
Genau an diesem Punkt kann Hypnose interessant werden. In einer hypnotischen Trance lässt sich der Blick stärker auf die Erfahrungen richten, mit denen bestimmte Überzeugungen verbunden sind. Dabei kann sich zeigen, wann aus einem Erlebnis eine Schlussfolgerung über die eigene Person geworden ist.
Eine frühere Zurückweisung bleibt Teil Deiner Geschichte. Ein verletzender Satz wurde tatsächlich gesagt und ein Misserfolg lässt sich im Nachhinein nicht ungeschehen machen. Aber die Bedeutung, die Du damals daraus für Dich abgeleitet hast, darf heute noch einmal überprüft werden.
Was verändert sich, wenn der eigene Wert stabiler wird?
Ein stabilerer Selbstwert bedeutet nicht, dass Selbstzweifel irgendwann vollständig verschwinden. Kritik kann Dich weiterhin treffen, eine Zurückweisung kann wehtun und ein Fehler darf Dich ärgern. Der Unterschied zeigt sich eher darin, was danach passiert.
Du kannst Dich über eine schlechte Leistung ärgern, ohne gleich Deine Fähigkeiten grundsätzlich infrage zu stellen. Nach einer Trennung darfst Du traurig und verletzt sein, ohne daraus schließen zu müssen, dass Du für eine Beziehung nicht gut genug bist.
Auch der Vergleich mit anderen verändert sich. Es wird immer Menschen geben, die erfolgreicher, attraktiver oder in bestimmten Dingen besser sind als Du. Wenn deren Stärke automatisch etwas über Deinen eigenen Wert aussagt, wird jeder Vergleich schnell zum Wettbewerb, bei dem Du nur verlieren kannst.
Mit einem stabileren Bild von Dir selbst darf jemand anderes besser sein, ohne dass Du dadurch schlechter wirst.
Das wirkt sich auch auf Entscheidungen aus. Wer weniger darauf angewiesen ist, sich seinen Wert bestätigen zu lassen, kann leichter fragen, was ihm selbst wichtig ist. Eine Beziehung muss dann nicht um jeden Preis gehalten werden, nur weil das Verlassenwerden am eigenen Selbstwert rüttelt. Im Beruf kann eine Entscheidung richtig sein, obwohl andere sie nicht verstehen oder besonders beeindruckend finden.
Vielleicht zeigt sich ein gesunder Selbstwert deshalb am deutlichsten in den Momenten, in denen gerade etwas schiefläuft. Du bist enttäuscht, verunsichert oder verletzt und verlierst dabei trotzdem nicht aus den Augen, wer Du außerdem noch bist.
Was denkst Du heute über Dich?
Das Bild, das Du von Dir hast, ist über viele Jahre entstanden. Es trägt Erfahrungen in sich, Urteile anderer Menschen und Schlussfolgerungen, die irgendwann einmal sinnvoll erschienen sind. Einiges davon passt vermutlich noch gut zu Dir, anderes stammt aus einer Zeit, in der Dein Leben ganz anders aussah.
Es lohnt sich deshalb, die eigenen Überzeugungen gelegentlich daraufhin zu prüfen, ob sie dem Menschen noch gerecht werden, der Du heute bist.
Das Ziel muss dabei keineswegs sein, aus jedem Zweifel Selbstbewusstsein zu machen. Du wirst weiterhin Dinge an Dir entdecken, die Du gerne verändern möchtest, Fehler machen und in Situationen geraten, in denen Du unsicher bist. All das gehört zu einem ehrlichen Bild von sich selbst.
Nur sollte dieses Bild auch enthalten, was im kritischen Blick leicht verloren geht: Erfahrungen, an denen Du gewachsen bist, Fähigkeiten, die für Dich längst selbstverständlich geworden sind, und Seiten an Dir, die andere möglicherweise schon lange schätzen.
Wenn Du also das nächste Mal denkst „So bin ich eben“, lohnt sich eine kleine Unterbrechung und die Frage:
Ist das wirklich eine Beschreibung von Dir oder etwas, das Du irgendwann über Dich zu glauben begonnen hast?



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