Wer bist Du, wenn Du niemandem mehr etwas beweisen musst?
- Sascha Zordan
- 15. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Manchmal beginnt die wichtigste Frage unseres Lebens nicht mit einem großen Ereignis, sondern mit einem alten Foto.
Du räumst den Dachboden auf.
Eigentlich wolltest Du nur ein paar Kartons aussortieren. Zwischen alten Ordnern, vergessenen Umzugskisten und Erinnerungsstücken, die seit Jahren niemand mehr in der Hand hatte, fällt Dir ein Foto entgegen.
Darauf bist Du, Anfang zwanzig.
Es ist kein besonders schönes Bild. Es ist leicht verblasst und der Rand an einer Ecke eingerissen. Trotzdem kannst Du den Blick kaum davon lösen.
Du erkennst Dein Gesicht.
Und gleichzeitig wirkt dieser Mensch darauf wie jemand, den Du lange nicht mehr getroffen hast.
Damals war das Leben noch eine offene Landkarte.
Du wusstest nicht, welchen Beruf Du einmal haben würdest, wen Du lieben, wo Du wohnen oder welche Wege Du einschlagen würdest. Vieles war ungewiss.
Vielleicht war genau das das Schönste.
Du hattest das Gefühl, dass das Leben vor Dir liegt.
Während Du das Foto betrachtest, taucht plötzlich ein Gedanke auf:
„Wann habe ich eigentlich aufgehört, einfach ich selbst zu sein?“
Es ist eine merkwürdige Frage, weil Du bisher nie auf die Idee gekommen bist, sie überhaupt zu stellen.
Irgendwann verändern sich die Fragen
Mit zwanzig fragen wir uns, was aus uns einmal werden soll.
Wir möchten unseren Platz finden, etwas aufbauen und erreichen.
Später geht es plötzlich um ganz andere Dinge.
Rechnungen müssen bezahlt werden. Die Kinder brauchen Aufmerksamkeit. Im Beruf warten neue Aufgaben. Unsere Eltern werden älter. Das Leben wird voller.
Ohne dass wir es bewusst entscheiden, verbringen wir viele Jahre damit, uns um alles zu kümmern, was wichtig erscheint.
Irgendwann fällt auf, dass dabei eine Person erstaunlich wenig Aufmerksamkeit bekommen hat: wir selbst.
Vielleicht kennst Du das.
Jemand fragt Dich:
„Erzähl doch mal etwas über Dich.“
Fast automatisch beginnst Du von Deinem Beruf oder Deiner Familie zu erzählen.
Vielleicht erwähnst Du, wo Du wohnst oder womit Du Deine Zeit verbringst.
Erst später merkst Du, dass Du gar nichts über Dich erzählt hast.
Du hast Dein Leben beschrieben, aber nicht Dich.
Es ist erstaunlich, wie selten wir diesen Unterschied bemerken.
Wann unser Wert von Leistung abhängt
Die meisten von uns lernen früh, worauf Anerkennung folgt.
Für gute Leistungen, Fleiß und Anpassung. Später kommen neue Maßstäbe dazu.
Ein sicherer Arbeitsplatz, ein gepflegtes Zuhause, Verantwortung und Erfolg.
All das ist nicht falsch.
Es wird erst dann anstrengend, wenn wir unseren Wert davon abhängig machen.
Denn dann reicht das Erreichte nie lange aus.
Kaum ist ein Ziel erreicht, wartet schon das nächste.
Fast unbemerkt gewöhnen wir uns daran, ständig jemand werden zu wollen.
Dabei übersehen wir irgendwann die viel wichtigere Frage:
Ob wir auf diesem Weg eigentlich noch wir selbst sind.
Es gibt Menschen, die nennen das Midlife-Crisis.
Ich habe diesen Begriff nie besonders gemocht. Er klingt nach Scheitern, nach Orientierungslosigkeit und nach einem Problem, das möglichst schnell gelöst werden sollte.
Ich glaube eher, dass in der Lebensmitte zum ersten Mal eine Suche beginnt, die wirklich etwas mit uns zu tun hat – weder mit unserem Lebenslauf noch mit unserem Kontostand oder dem Bild, das andere von uns haben, sondern mit dem Menschen, der hinter all dem lebt.
Die Momente, in denen wir uns selbst begegnen
Ich glaube, deshalb bleiben uns manche Augenblicke so lange in Erinnerung.
Du gehst allein durch den Wald. Das Handy bleibt in der Tasche, außer dem Wind in den Bäumen und Deinen eigenen Schritten ist kaum etwas zu hören.
Oder Du sitzt am Meer, schaust den Wellen zu und merkst irgendwann, dass Zeit plötzlich keine Rolle mehr spielt.
Vielleicht arbeitest Du stundenlang im Garten, verlierst Dich in einem guten Buch oder tust etwas, das Dich so sehr erfüllt, dass Du alles um Dich herum vergisst.
Genau in diesen Momenten verändert sich etwas.
Der ständige Blick darauf, wie Du auf andere wirkst, tritt in den Hintergrund. Auch der Vergleich mit anderen verliert an Bedeutung. Für eine Weile musst Du niemandem gerecht werden und nichts beweisen.
Du bist einfach da.
Vielleicht fühlt sich genau das nach Freiheit an.
Wann wir uns selbst verlieren
Kinder kennen dieses Gefühl noch.
Sie bauen Sandburgen, obwohl die nächste Welle sie wieder wegspülen wird.
Sie malen Bilder, die nie in einer Galerie hängen werden.
Sie singen, tanzen und lachen, ohne sich zu fragen, ob sie dabei gut aussehen.
Erst später lernen wir, dass Leistung oft mehr Aufmerksamkeit bekommt als Freude.
Dass Anerkennung sicherer wirkt als Echtheit und Anpassung manchmal einfacher erscheint, als den eigenen Weg zu gehen.
Vielleicht beginnt genau dort die lange Reise weg von uns selbst.
Manche Menschen versuchen diese Leere mit Veränderungen zu füllen.
Ein neuer Job, ein anderes Auto, eine Reise, mehr Sport oder weniger Arbeit.
Manchmal fühlt sich das tatsächlich wie ein Neuanfang an.
Doch nach einiger Zeit stellt sich dieselbe Unruhe wieder ein.
Das liegt oft gar nicht an der Entscheidung selbst.
Wir nehmen uns auf jedem neuen Weg immer auch selbst mit.
Die Antwort liegt nicht in einer Definition
Die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ findet sich wahrscheinlich nicht in einem einzigen Gedanken.
Viel öfter zeigt sie sich in den Momenten, in denen Du ganz vergisst, nach ihr zu suchen.
Du lachst, ohne darüber nachzudenken, wie Du wirkst, verlierst völlig das Zeitgefühl oder verbringst Zeit mit Menschen, bei denen Du Dich nicht verstellen musst.
Selbst ein Spaziergang allein kann sich plötzlich leicht anfühlen, weil Du für einen Augenblick niemandem gerecht werden musst – nicht einmal Dir selbst.
Am Ende geht es vermutlich gar nicht darum, die perfekte Antwort zu finden.
Viel wichtiger ist es, nach und nach alles loszulassen, was sich im Laufe der Jahre über Dich gelegt hat: Erwartungen, Vergleiche und den ständigen Druck, immer genug sein zu müssen.
Zum Schluss
Was dann zum Vorschein kommt, braucht weder einen Titel noch eine besondere Leistung.
Es ist einfach der Mensch, der schon immer da war.
Vielleicht genau der, nach dem Du so lange gesucht hast.



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